Strauchschnitt

„Ich muss den Geschäftsplan fertig kriegen“, wehrt Markus die Forderung von Chris ab, hier und jetzt mit ihr einen Spaziergang zu machen.

„Man muss sich wenigstens eine halbe Stunde am Tag bewegen. Gestern bist du nur vor deinem Computer gesessen. Du rostest noch vollständig ein.“

Seufzend speichert Markus ab und rappelt sich hoch.

Sie machen sich auf den Weg und drehen ihre Runde durch den Park und am Friedhof vorbei. Markus geht Chris nicht schnell genug. „Mach schneller, du Lahm-Ei“, treibt sie an. Doch dann fällt ihr Schlimmeres auf: „Auweh! Die Baum-ab-Mafia hat zugeschlagen! Da ist ja jeder dritte Baum weg! Und wie die die Sträucher zusammengeschnitten haben! Schau sie dir doch an, diese dünnen Gerippe! Ich könnte ihnen eine reinhauen!“

„Das würde ich aber davon abhängig machen, ob die dich dann nachher dafür anzeigen wollen“, gibt Markus lachend zu bedenken.

„Ach was, die kriegen so eine geduscht, dass die nicht wissen, wer ihnen das Sternchen verpasst hat.“ Chris ist noch völlig außer sich ob des Herumholzens der Gemeindeangestellten. Da haben sich wohl ein paar mit der Motorsäge so richtig ausgetobt. Alle ausladenden Äste sind weg. Selbst Obstbäume sind auf den Stamm zurückgeschnitten worden, dass sie jetzt aussehen wie Störche. Sträucher gleichen nun unförmigen schiefen Quadern. Die Schnitte wurden wohl auch mit der Kettensäge geführt anstatt sauber mit der Astschere. Das Gehölz wurde nicht nur durch die Amputationen verletzt. Auch fahrlässige Schnitte in den Stamm und heruntergefetzte Rinde lassen Chris und Markus das Herz bluten.

Während Chris ihrer Ohnmacht mit Flüchen Luft macht, mahnt Markus sie zur Mäßigung und meint dabei eher sich selbst. In Wahrheit mag er ihre direkte Art. Sie kann sich noch über Schlimmes aufregen, das andere gleichgültig hinnehmen. Sie schießt dabei schon mal übers Ziel hinaus, doch würde jetzt einer dieser Barbaren auftauchen, Chris würde ihn nicht einmal verbal attackieren. Da wäre eher Markus gefährdet, diesem in gerechtem Zorn die Meinung zu geigen und es später wieder zu bereuen. Sie wissen beide, dass die Gleichgültigkeit der schlecht bezahlten Gemeindearbeiter gegenüber der lebenden Natur durch den Bürgermeister und die Mehrheit der Gemeinderäte gefördert wird, die zu der Landschaft ein eher kommerzielles Verhältnis haben. Es sind vor allem vom Bau und vom Tourismus lebende Geschäftsleute, die sich in die Kommunalpolitik gedrängt haben. Während die von ihnen so geschätzten Feriengäste aus Liebe zur oberbayerischen Landschaft kommen, ist den Gemeindeoberhäuptern der Sinn für deren Einzigartigkeit verloren gegangen. Sie pflegen die Natur wie eine Fabrikhalle: zweckgemäß. Die Wege werden mit Laubsaugern gekehrt, der weggeworfene Müll daneben bleibt liegen. Außer beim Großreinemachen. Dann wird auch das Laub aus dem Wald gefegt, gemeinsam mit dem Müll. Plastik und zerfallende Blätter, kein Unterschied? Der dilettantische Baum- und Strauchschnitt, über den sich Markus und Chris erregen, entspricht nur diesem Denken.

Im Eifer des Gefechts hat es Chris geschafft, den Spaziergang auf eine Dreiviertelstunde auszudehnen. Doch Markus ist es nicht entgangen: „Jetzt muss ich aber weitermachen, ich habe das Gefühl, mir läuft die Zeit davon. Der Antrag muss raus, ich muss mich bald mal an die Homepage setzen, dann muss ich mich dringend ans Telefon hängen und nachfragen, was aus den verschiedenen Projekten geworden ist …“

„Nun beruhig dich mal!“, unterbricht Chris.

„Ich bin aber nicht ruhig. Am ersten März will ich anfangen, Aufträge zu bearbeiten, nicht erst welche reinzuholen, deshalb muss in sechs Wochen alles stehen.“

Chris zeigt ihm die Faust: „Wenn du nicht ein bisschen ruhiger wirst, dann mach ich dich ruhig, und zwar für immer!“

Markus lacht: „Okay, okay“, und duckt sich vor ihren Attacken. Nun lachen sie beide.