Stiegenhausratsch

„Guten Morgen Evi, wie geht’s denn so? Ist der Klaus immer noch krank?“, erkundigt sich Claudia, als Sie beladen vom Einkauf im Treppenhaus ihre Nachbarin trifft.

„Ja, er muss die Grippe nun mal richtig auskurieren“, erzählt Evi. „Er meint ja immer, er sei in der Arbeit unentbehrlich, aber ich glaube, er hat es jetzt kapiert, nachdem der Arzt auch noch Herzrhythmusstörungen festgestellt hat.“

„Ja mit der Grippe ist nicht zu spaßen.“

„Glücklicherweise hat er ja nicht die Vogelgrippe“, scherzt Evi.

„Gott sei Dank. Hast du schon gehört, jetzt ist sie schon in der Türkei.“

„Ja mei, irgendwann wird sie auch bei uns sein.“

„Meinst nicht, dass die das noch aufhalten können? In der Türkei, na ja, da halten sie ja von Sauberkeit nicht so viel …“ Claudia, redet leise, flüstert fast.

Die Haustür öffnet sich, die alte Fatima kommt mit dem Hund die Treppe hochgeschlurft.

„So ein Zufall, wir sprachen gerade über die Türkei und da kommst du“, begrüßt Claudia Fatima honigsüß.

„Worum ging es denn?“, fragt Fatima überrascht.

„Um die Vogelgrippe“, erklärt Claudia. „Was sagen denn deine Leute dazu?“

„In unserer Gegend ist nichts. Die Türkei ist groß“, lächelt Fatima.

„Aber ist das nicht schrecklich, wie die die Tiere umbringen“, ereifert sich Evi. „Ich hab im Fernsehen gesehen, wie die in Erdlöcher geworfen wurden und noch gezappelt haben. Sie sollen die ja sogar lebendig ins Feuer geworfen haben.“

„Mir gefällt das auch nicht“, antwortet Fatima. „Ich glaube das gefällt niemandem, außer ein paar Sadisten.“

„Hier haben sie ja wenigstens Vergasungsstationen für den Ernstfall“, weiß Claudia zu berichten.

„Beim Vergasen“, rutscht es Evi heraus, „sind die Deutschen ja besonders erfahren.“

„Wie meinst du denn das?“ Claudia scheint etwas angebrannt zu sein.

„Wie ich es sage. Ausrotten, ausradieren können wir immer recht schnell. Hinterher kann man’s dann nicht mehr zurücknehmen.“

„Aber meinst du nicht, dass etwas gemacht werden muss, um die Ausbreitung der Vogelgrippe zu verhindern?“, gibt Claudia zu bedenken.

„Die Vogelgrippe kommt so oder so“, meint Fatima trocken.

„Das kann man doch nicht wissen!“, beharrt Claudia

„Doch“, antwortet Fatima ungerührt. „Wie soll das Umbringen oder Einsperren von Hühnern und Enten etwas bringen, wenn es Spatzen und Tauben und andere Vögel gibt? Dann stecken sich erst die Spatzen an und du merkst nichts. Du lässt die Hühner nach den Zugvögeln wieder aus dem Stall und – bumms – sie stecken sich bei den Spatzen an.“

„Das klingt logisch“, merkt Evi an.

„Und wenn wir einfach Hühner nur noch im Stall halten?“, überlegt Claudia. „Dann können die sich auch nicht anstecken.“

„Dann scheißen die kranken Spatzen in den Bach, und die Kinder trinken daraus“, argumentiert Fatima ungerührt.

„Ist doch aber sehr unwahrscheinlich“, meint Claudia. „Die Viren sollen sich ja gar nicht lange halten.“

„Wäre aber auch unwahrscheinlich sich bei Hühnern anzustecken“, meint Evi, „wenn sich die Leute dort die Hände waschen, bevor sie ihr Butterbrot essen, oder?“

Claudia schüttelt den Kopf. „Ich weiß nicht. Mir wäre irgendwie wohler, wir könnten die Vogelgrippe ganz von uns fernhalten.“

„Dann müssten wir wohl alle freifliegenden Vögel einfangen oder umbringen“, gibt Evi zu bedenken. „Irgendein Politiker hat das sogar gefordert, aber die haben ihn gleich zum Spinner erklärt. Wäre wohl viel zu teuer gewesen.“

„Aber konsequent“, meint Claudia.

„Ja weiß denn niemand mehr, was das bedeutet“, regt sich jetzt Fatima auf. „Wir brauchen die Vögel doch! Wenn die Vögel aufhören zu singen, dann tragen die Bäume auch keine Früchte mehr!“

„Vielleicht hast du recht“, gibt jetzt Claudia zu. „Die Vögel fressen ja auch viel Ungeziefer …“

„… und womöglich kriegen wir dann statt der Vogelgrippe die Malaria, die wird doch durch Mücken oder Fliegen übertragen“, sinniert Evi. „Die Auswirkungen kann man doch überhaupt nicht vorhersehen.“ Sie guckt auf die Uhr. „Mein Gott, ich muss zur Apotheke, die macht gleich zu. Schönen Tag noch!“

„Und ich muss das Mittagessen kochen, die Kinder kommen bald aus der Schule“, verabschiedet sich auch Claudia.

„Was gibt’s denn?“, fragt Fatima.

„Putenschnitzel.“

„Aha, deine Liebe zu den Vögeln geht vor allem durch den Magen!“ Die alte Frau verabschiedet sich und steigt mit ihrem Hund die fünf Treppen zu ihrer kleinen Dachwohnung hoch.

Frei rollendes Hühnerei

© 2006 Marinus Münster. Diese Geschichte ist frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit der Figuren mit lebenden oder toten Personen wäre rein zufällig.