Der Hahn

Das Gras muss gemäht werden, es ist schon überlang. Vor ein paar Jahren habe ich mir das Mähen mit der Sense zeigen lassen. Es geht ganz gut. Drei Mal im Jahr machen wir so Heu für die Hühner. Die freuen sich immer ein Loch in den Bauch, wenn ich den Stall sauber gemacht habe und ihnen frisches Heu als Einstreu gebe. Da wird dann gezubbelt und gescharrt, alles durcheinander gewirbelt und der Hahn setzt sich in einen der Körbe, in die ich Heu gestopft habe und macht das Bett. „Seht her“, gurrt er dann, „hier ist das Nest, legt eure Eier, legt sie!“

Es war Chris, die Hühner haben wollte. Ich hatte dann den Stall gebaut und einen Zaun gezogen. Dann war der Stall (eine Fertiglaube, die ich nur in der Höhe etwas niedriger gemacht hatte, damit sie sich etwas besser in den Garten einfügt) zu laut. Soll heißen, der Hahn war zu laut. Natürlich war der Hahn nicht zu laut. Jedes Auto ist genauso laut, aber die Ohren unserer lieben NachbarInnen sind das Gockelgeschrei auf dem Land nicht mehr gewöhnt, deshalb beschwerten sie sich und ich musste den Stall schallisolieren. Ich habe innen alles mit Korkbahnen verkleidet und zusätzlich Korken dahinter geschüttet. Das hat jedoch nicht gereicht. So habe ich die Bahnen wieder runter gerissen und innen alles noch einmal mit Profilholzbrettern ausgekleidet, Korken und Styroporflocken zwischen die zwei Wände geschüttet, auf das Dach noch ein Dach gesetzt und – damit es etwas hübscher ausschaut – mit Lärchenholzschindeln gedeckt. Um aus dem Fenster weniger Lärm dringen zu lassen, habe ich dort eine zweite Scheibe von innen, Fensterläden außen und zusätzlich noch eine Klappe fürs Fenster von innen angebracht.

Doch letztes Jahr hat sich der Hotelier von nebenan beklagt, dass trotzdem seine Gäste die Zimmer „hinten raus“ (also zu unserem Garten hin) ablehnen, weil sie vom Gockel geweckt werden. Also habe ich das Schindeldach wieder abgemacht, drei Lagen Weichfaserplatten draufgeschraubt und die Schindeln wieder festgenagelt. An die Wände kamen auch zwei Lagen Weichfaserplatten und noch einmal Profilholzbretter. Die Tür wurde entsprechend verstärkt und schließlich gab’s noch eine dicke Platte zum Vorhängen vor das Fenster.

Dann war endlich Ruhe. Der Hahn ist jetzt morgens nicht lauter zu hören als die anderen Singvögel auch. Um halb neun lassen wir die Hühner raus. Doch immer noch fühlen sich Leute gestört. Eine Bauunternehmerin ein paar Häuser weiter würde so gerne ihre Büroarbeit auf dem Balkon verrichten. Aber sie kann sich wegen dem Kikeriki einfach nicht konzentrieren, beschwert sie sich bei Chris am Telefon. Irgendwo ist für mich Schluss: Wer die Natur genießen will, muss sie auch ertragen können.

*

Chris ruft mich an. Ich soll früher nach Hause kommen, um den Scharfrichter zu spielen. Einer der jungen Hähne kämpft mit dem alten. Wir hatten die Schlachtung möglichst weit nach hinten geschoben, um den jungen Hähnen, die ja den Winter zu überstehen hatten, auch etwas vom Frühling zu gönnen. Doch wir haben nun wohl doch zu lange gewartet. „Silberpfeil ist schon ganz blutüberströmt.“ Silberpfeil, das ist der alte Hahn, schneeweiß und tapfer. Einmal, als ich vergessen hatte, abends die Stalltür zu schließen, hat er sogar mit dem Fuchs gekämpft, bis ich, vom Gegacker aufmerksam geworden, hinzugekommen bin und noch fast alle Hühner retten konnte. Nur zwei Hennen waren schon tot, eine weitere verletzt, die aber wieder völlig gesund wurde.

Ich nehme den nächsten Zug, um das Drama zu beenden. Chris hat inzwischen über den jungen Hahn eine Kiste gestellt. Es ist nicht so einfach, die anderen jungen Hähne einzufangen und ihnen dann auf dem Hackstock mit dem Beil in einem einzigen Schlag den Kopf abzuhauen. Besser ist es, sie morgens, wenn sie noch schläfrig sind, direkt aus dem Stall zu holen. Die Schlachterei ist keine schöne Arbeit, aber noch weniger schön erscheint es mir, die jungen Hähne zum Metzger zu bringen, wo sie dann noch stundenlang auf die Hinrichtung warten müssen.

„Wer keine Tiere töten kann, soll auch kein Fleisch essen“, soll Martina Navratilova gefordert haben. Während sie deshalb kein Fleisch isst, ziehen wir für uns daraus die Konsequenz, dass wir unsere Hühner selber schlachten. „Jedenfalls behält man in beiden Fällen“, meinte Chris, „den Respekt vor der Kreatur.“ Beim billigen Fleisch aus dem Supermarkt vergisst man nur zu leicht, dass da mal ein Tier gelebt hat, unter KZ-Bedingungen. Den gewaltsamen Tod können wir unseren Hähnen zwar nicht ersparen, aber wir können ihnen ein besseres Leben bieten. Von den Hennen haben wir bislang keine schlachten müssen. Wir nehmen ihnen zwar die Eier weg, aber dafür kriegen sie im Alter auch ihr Gnadenbrot.

Irgendwann sind wir fertig mit dem Rupfen und Ausnehmen und die jungen Hähne wandern in den Kühlschrank. Ich bin immer noch ganz aufgeregt. Nächstes Jahr werde ich nicht so lange mit dem Schlachten warten.

*

Die rote Katze hat die zwei letzten kleinen Küken geholt. Sechs Küken sind dagegen schon größer, fast junge Hühner. Die wird die Katze wohl nicht mehr kriegen. Aber dem Hahn geht es nicht gut. Er sieht so aus, als ob er sich den Verlust seines Nachwuchses schwer zu Herzen genommen hat. Er kann kaum noch auf die Stange hüpfen.

*

Unser Hahn liegt im Sterben. Er war schon die Tage vorher schwach, aber jetzt liegt er im Pirk* und streckt die Beine nach oben. Ich lege ihn in eines der Nester. Dort liegt er auf der Seite und wartet auf den Tod. Alle paar Stunden schauen Chris und ich nach ihm. Am Nachmittag ist er schon ohne Bewusstsein, am Abend steif.

Ich grabe ein Loch in der Wiese, lege den ehemals stolzen weißen Hahn, den wir „Silberpfeil“ genannt hatten, hinein und schaufle zu. Einen großen Stein legen wir auf die Stelle, damit kein anderes Tier dort wühlen kann. Hier liegt nun der große Häuptling Silberpfeil, denke ich traurig, der mit dem Fuchs gekämpft und seine Hennen beschützt hat und der zum Schluss seinen Nachwuchs nicht mehr vor einer Katze verteidigen konnte.

*) Gehege

Aus: Marinus Münster, „Dilldöppchen“, Geest-Verlag 2004

Henne und Hahn auf der Stange